Lateinamerikanische Erfahrungen
Markus Auinger, Wien
Der Kongress „Solidarische Ökonomie“ in Wien hat deutlich gezeigt, dass es in Europa nicht an Alternativen zum Kapitalismus mangelt. In den einzelnen Workshops, an denen Menschen aus über 16 Nationen teilnahmen, wurden aktuelle Entwicklungen in West-, Zentral- und Osteuropa, Lateinamerika, Afrika und Asien diskutiert. Lateinamerika nimmt dabei innerhalb der Bewegung der Solidarischen Ökonomie seit längerem eine gewisse Vorreiterrolle ein. Eigens eingerichtete Ministerien und Staatssekretariate etwa in Venezuela und Brasilien zeugen von einer starken politischen Verankerung, die in einzelnen Ländern bereits mehrere Millionen Menschen umfasst.
Die zahlreichen Beispiele für alternative Organisations- und Wirtschaftsformen, die auch am Kongress in Wien diskutiert wurden, lösen angesichts der Krise des globalen Kapitalismus große Hoffnungen aus. Sie zeigen, dass eine andere Welt und eine andere Wirtschaft möglich sind. Die Bewegung der Weltsozialforen (WSF) steht bereits seit langem unter genau diesem Motto. Sie war es auch, die maßgeblichen Anteil an der starken Verankerung der Solidarischen Ökonomie in Lateinamerika hatte.
Im Zuge der ersten Treffen des WSF in Porto Alegre (Brasilien) wurde an die brasilianische Regierung unter Lula da Silva die Forderung gestellt, ein Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie (SENAES) einzurichten. Gleichzeitig gründeten verschiedene Strömungen der Zivilgesellschaft das Nationale Brasilianische Forum der Solidarischen Ökonomie (FBES). In dieser Konstellation wird nun seit 2003 an der Stärkung und Vernetzung der Bewegung gearbeitet.
Ein sehr großer (teils überwiegender) Teil der Erwerbsarbeit findet in Lateinamerika in informellen Strukturen statt, die sich vor allem aus dem Engagement und der Kreativität der Einzelnen nähren. Da sich in der Gruppe aber mehr erreichen lässt, schossen angesichts der tiefgreifenden wirtschaftlichen Probleme speziell seit den 1980er und -90er Jahren vermehrt kollektive Wirtschaftsformen aus dem Boden, die heute unter dem Begriff Solidarische Ökonomie diskutiert werden. Fabriken, die nach dem Konkurs von den ArbeiterInnen in Selbstverwaltung weitergeführt wurden, regionale Währungssysteme, in denen eine nachhaltige lokale Entwicklung gefördert wird und viele andere Initiativen entstanden als Antwort auf eine Krise, die viele Menschen mit existenziellen Problemen konfrontierte. Dabei wurden verstärkt auch indigene Konzepte von Wirtschaft wieder aufgegriffen, die sich nicht auf rücksichtslose Konkurrenz sondern auf Kooperation und Reziprozität als ihre wesentlichen Grundlagen beriefen. Der Koordinator im brasilianischen Staatssekretariat, Mauricio Sardá de Faria erklärt: „Solidarisches Wirtschaften heißt für uns, nicht nur etwas gegen Armut und Arbeitslosigkeit zu tun, sondern auch der Arbeit einen neuen Sinn zu geben“.
Im so genannten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, der von der venezolanischen Regierung Chavez aufgebaut wird, spielt die Solidarische Ökonomie ebenfalls eine maßgebliche Rolle. Die Ökonomie soll dabei wieder in den Dienst der Menschen genommen werden, und ihnen auf diesem Wege ihre politische Gestaltungsmacht zurückzugeben. Wie Nora Castañeda, Präsidentin der venezolanischen Mikrokreditbank BANMUJER, erklärt, trägt Armut in Lateinamerika vor allem „das Gesicht der Frauen“. Darum sei es wichtig, Frauen in der Gründung von solidarökonomischen Unternehmen besonders zu unterstützen und ihnen damit wirtschaftliche Perspektiven zu bieten. BANMUJER hat zu dem Zweck bereits über 100.000 Kleinstkredite vorwiegend an Frauen vergeben, die damit kleine Unternehmen und Kooperativen gründeten und sich so ein eigenes Einkommen schaffen. Mit dem Kooperativennetzwerk Cecosesola wurde am Kongress auch noch ein anderes Beispiel für solidarische Ökonomie diskutiert, dass auf einige Erfolge in der näheren Vergangenheit zurückblickt. Der Verbund zählt heute rund 85 verschiedene Basisorganisationen, zu denen etwa landwirtschaftliche und kommunitäre Produktionsgenossenschaften oder Stadtviertelinitiativen zählen. 1967 gegründet, umfassen die Kooperativen zurzeit ca. 2.000 Mitglieder und noch mal rund 2.000 assoziierte ArbeiterInnen.
Auch in Argentinien hat sich im Zuge der letzten Wirtschaftskrise gezeigt, dass die Betroffenen selbst großes Potential zur gemeinsamen Bewältigung der ökonomischen Probleme haben. Der starke soziale Zusammenhalt war in vielen Fällen der Anlass Nachbarschaftszentren zu gründen, aus denen wiederum überregionale Tauschkreise entstanden sind. Als nach dem Einfrieren der Sparguthaben die Menschen nicht mehr wussten, womit sie Lebensmittel kaufen sollten, wurde aus der Not eine Parallelwährung geboren, mit der sich auf einem alternativen Markt solidarische Tauschgeschäfte abwickeln ließen.
Heute zielen viele der staatlichen Förderungsprogramme vor allem auf Unterstützung bei der Kapitalaufbringung und Vermarktung ab. Ein wichtiger Schritt zur nachhaltigen Vernetzung der Initiativen wurde aber auch mit einzelnen Kartierungsprojekten gesetzt. Dabei wurde die Vielfalt und Breite der Bewegung deutlich, die alleine in Brasilien laut einer ersten Erhebung in nur knapp der Hälfte der Gemeinden mehr als 21.000 Initiativen und 1,7 Millionen Beteiligte zählte. Eine sehr ähnliche Kartierung wurde mittlerweile auch in Nordhessen durchgeführt und ist in Österreich bereits in Planung. Damit sollen auf längere Sicht alternative Wertschöpfungsketten aufgebaut werden, in denen neben dem ökonomischen auch ein sozialer Mehrwert entsteht.
Die Bewegung in Europa kann sicherlich noch einiges von Lateinamerika lernen. Vor allem angesichts aktueller Entwicklungen bieten die Beispiele von „in Stand besetzten“ Betrieben, die zuvor in Konkurs gegangen waren, und erfolgreiche solidarökonomische Kooperativennetzwerke, Grund zum Optimismus. Wenn dabei gleichzeitig auch die Frage nach der Verteilung staatlicher Macht diskutiert wird, könnte die Krise tatsächlich als Chance genutzt werden. Der Aufbau einer alternativen Wirtschaft kann so der fortschreitenden neoliberalen Individualisierung eine solidarische und emanzipatorische Praxis entgegenhalten.