Der Wiener Deewan : q.e.d.

Pay as you wish


Natalie Deewan, Wien

 

Am 30. April 2005, dem Tag der Arbeitslosen, eröffnete sich der Wiener Deewan, ein Curry-Lokal in Uni-Nähe mit pakistanischem Buffet und dem Grundsatz all you can eat / pay as you wish. Die Gäste bedienen sich am mehrmals täglich wechselnden Buffet mit vegetarisch-veganem Schwerpunkt und bezahlen danach an der Kassa je nach Menge, Zufriedenheit, Liquidität einen Preis, der ihnen richtig erscheint: „kostet ... was ihr wollt!“ Getränke haben moderate Fixpreise, Wasser wird automatisch und kostenlos serviert.

 

Was anfangs als Experiment für ein Monat gedacht war, kann aufgrund der überwiegenden Fairness der von Konzept wie Qualität überzeugten Gäste seit nun fast vier Jahren beibehalten werden. Der Wiener Deewan bewegt sich als Idealversuch unter Realbedingungen im grünen Bereich und kann mittlerweile ca. zwei Monate im Jahr Ferien machen.

In der übrigen Zeit arbeiten zwei Betreiber + derzeit 14 fest angestellte MitarbeiterInnen (teils ehemalige Gäste bzw. deren FreundInnen) Vollzeit, Teilzeit oder geringfügig im Lokal gemäß ihren eigenen Wünschen.

 

In rauen Mengen verkocht werden Produkte vom Bauern bis zum indischen Großhändler, allerdings meist nicht aus biologischer Herstellung. Das Brot liefert eine iranische Bäckerei, das Fleisch ist halal, wodurch auch Gäste, für die geschächtetes Fleisch ein Kriterium ist, den Wiener Deewan besuchen. Durch die offene Preispolitik ist der Ort potentiell andockbar für ein breites Spektrum von Personen. In drei sehr unterschiedlichen Räumen inkl. „Liegewiese“ sitzt demnach der Rosenverkäufer neben dem Finanzdienstleister, Curryfans treffen auf die Stammgäste aus der Nachbarschaft, Kinder turnen um StudentInnen und deren Eltern herum, insgesamt also ein buntes Bild mit zumindest zu Uni-Zeiten starkem studentischen Einschlag.

 

Am Beginn dieses Projekts stand: keine Alternative. Im Sommer 2004 ging es darum, dem gerade unfreiwillig in Österreich zwischengestoppten pakistanischen Asylwerber, Koch und Cricketspieler Afzaal Deewan eine Art Imbissstand zu organisieren. Meine Rolle bestand daraufhin im Telefonhopping zwischen Wirtschaftskammer, Asyl-NGOs und Gastromaklern – Resultat: Firmengründung mit österreichischem Partner ist der de facto einzige gemeinsame Treffer für die Stichworte „Asylwerber“ und „Arbeit, legal“. Ich wurde also Unternehmensgründerin wider Willen und erwarb mit geborgtem Geld einer Freundin und meinen Ersparnissen ein dunkles altes Wirtshaus im 9. Bezirk, den zukünftigen „Wiener Deewan“.

 

Die Entscheidung für pay as you wish, wenige Tage vor der Eröffnung, hatte mehrere Motive. Afzaal Deewan schwebte eine Eröffnungsaktion à la „free food“ vor, da wir aber ohnehin schon die finanzielle Talsohle unterschritten hatten, optierten wir für „pay as you wish“. Darüber hinaus meinten wir, die Leute wüssten selber sicher am besten, wie viel ihnen ihr Essen wert ist. Niederschwellig sollte es auf jeden Fall sein, so dass keine/r abgeschreckt wäre, das Lokal überhaupt zu betreten. Während ich weiters Konzepte wie das unbedingte Grundeinkommen und dessen simplen und radikalen Ansatz im Kopf hatte, waren es bei Afzaal Deewan seine Geschäftserfahrungen in Pakistan, die ihn an die Überlebensfähigkeit einer solchen „doppelt offenen Struktur“ glauben ließen.

 

Wir haben beschlossen, keinen Mindestpreis festzulegen, erlauben uns aber, wenn wir uns ausgenutzt vorkommen, die Leute darauf anzusprechen („feed the needy, but don’t get fed up!“), was allerdings vergleichsweise selten vorkommt. Tatsächlich scheinen sich also unsere Gäste „ihren Deewan“ erhalten zu wollen und füttern das kommunizierende Gefäßesystem des Wiener Deewan dementsprechend. Q.e.d.

 

 

DER WIENER DEEWAN

pakistani food – essen für alle

Liechtensteinstraße 10, 1090 Wien,

01/9251185, www.deewan.at