Andreas Kislinger, Wien
Regionale, sekundäre, alternative oder komplementäre Währungssysteme zeigen mit ihrer Geschichte zwischen Rebellion und Anpassung, dass neben dem exklusiven Banken- und Geldemissionsmonopol in juristisch lose definiertem Rahmen eine kleine Nische existiert, die man – wie die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte zeigen – mittels vereinsintern gültigen Gutscheinen nutzen und gestalten kann. So gesehen ist der Begriff Währung nicht ganz angemessen, weil die TeilnehmerInnenzahl weit unter der Zahl der NutzerInnen der herkömmlichen Währungen liegt.
Wikipedia 2005 (zitiert nach Schäfer 2007, S 57) definiert Regionalgeld als ein "zwischen Verbrauchern, Anbietern, Vereinen und Kommunen demokratisch vereinbartes Medium, das innerhalb einer Region als Zahlungsmittel verwendet wird und auf Grundlage eines global entwickelten Wertestandards mit andern sozialen Institutionen auf horizontaler und vertikaler Ebene (andere Regionalwährungen und andere wertschöpfende Systeme in der Region) so assoziiert wird, dass sich der Lebensstandard in der Region auf Dauer positiv entwickeln soll. Die Beobachtung monetärer Strukturdefizite und zyklischer Krisen hat wiederholt Menschen bewegt, diese Währungen zu schaffen.“
Gemäß Kennedy und Litaer (2004) ist Japan eines der wenigen Länder, die erkannt haben, dass Regionalwährungen bzw. regionale Gutscheinsysteme ein hervorragendes Instrument beim Bewältigen wirtschaftlicher, sich in Regionen manifestierender Krisen sind. Dieses politisch zu fördernde Mittel der wirtschaftlichen Selbsthilfe ist an ein proaktiv-soziales Segment der Bevölkerung gebunden.
Das zentrale Element des auf bestimmte Regionen beschränkt gültigen Gutscheinsystems zeigt sich hauptsächlich an den sozialen Merkmalen, nur sehr nachgeordnet an deren wirtschaftlich-organisatorisch notwendigen Handlungen. Sie zeigt sich an Personen, die sich entschlossen haben, die ihnen zustehende juristische Nische zu nützen. Letztere ergibt sich daraus, dass staatliche Institutionen nicht miteinander übereinstimmen bezüglich der zu bewertenden Tatsache, um welche Art der Transaktionen es sich bei diesen tauschartigen Prozessen handelt, die vor bzw. nach den mit Gutscheinen getätigten Geschäften liegen. So lange sich diese aber in einem überschaubaren Rahmen bleiben, sind sie politisch keine wirklich ernst zu nehmende Größe.
Dieser initiative Personenkreis nützt nicht nur gemeinsam die Möglichkeit zur analogen, den Banken vorbehaltenen Geldemission in Form einer Gutscheinemission. Vielmehr nutzen sie in kleiner Größenordnung auch die Möglichkeit, die ausgegebene Geldmenge auf Basis überschaubarer Abläufe demokratisch festzulegen. Das ist wahrscheinlich das entscheidende Merkmal, das sie vom herkömmlichen Geldsystem unterscheidet. Damit schaffen sie auf der einen Seite durch deren schnelleren Geldumlauf (als bei den Nationalwährungen) Inflation, diesem Mechanismus wird aber andrerseits durch die enger an den Bedarf angepasste Emissionsmenge an Geld gegengesteuert.
Was die Regionalwährungen im bisherigen Lauf der Geschichte nicht zur Verfügung stellen konnten, sind Kredite (mit größeren Kreditsummen). Kredite vergeben überhaupt nur das System BICS in Spanien (bis 300 Euro) und die an den WIR Tauschkreis gekoppelte WIR Bank (1-2%, hauptsächlich für Bauvorhaben).
Das System LETS (local exchange trading system) ursprünglich auf Vancouver Island, später in den USA, Australien, England, Wales, Deutschland ist den Regionalwährungen sehr ähnlich. Es verfügt über ein zeitwährungsbasiertes Kontenverrechnungssystem, bei welchem die Guthaben nicht in herkömmlicher Währung auszahlbar sind. Dabei wird der bargeldlose Tausch von Dienstleistungen und Produkten administriert und mittels monetärnahen Verrechnungssystems organisiert.
Ein weiteres zentrales Merkmal der Gutscheinsysteme ist die enge Kopplung von UnternehmerInnen- und VerbraucherInnen-Interessen in einer starken Bindung an “außertourliche“ Initiative, die dem regional-sozialen Autismus eines global agierenden Finanzkapitalismus mit regelgebundener, regionaler Kommunikation und monetärer Aktion etwas entgegen zu halten hat.
Das, was die regionalen Gutscheinsysteme genauso wenig wie die traditionellen bankgebundenen Zahlungssysteme vermögen, ist, die sozialen Unterschiede, die das Geldsystem hervorruft, auszugleichen und diesen entgegen zu wirken – bis auf die Ausnahme der Unterschiede zwischen (zahlungsfähigen) VerbraucherInnen und UnternehmerInnen.
Die regionalen Gutscheinsysteme finanzieren über die Umlaufsicherung gemeinnützige Arbeitsplätze und können zudem steuern, von welchen Bezugsgruppen sie welche Beiträge einheben. Dieses Steuerelement funktioniert jedoch nur in Grenzen und kann das System der regionalen Gutscheine in seiner Existenz gefährden, wenn und weil sich einzelne Mitglieder oder Mitgliedergruppen benachteiligt fühlen.
Die Umlaufsicherung ist die zeitlich anfallende Abwertung der Gutscheine, die sicher stellt, dass die Gutscheine in Zirkulation, d.h. im “schwebenden“ Bereich aller Mitglieder bleiben. Der Begriff Umlaufsicherung bezieht sich dabei auf den intendierten Effekt der in Zirkulation gehaltenen Gutscheine in der Region als Ganzes zum Unterschied der möglichen (Optimierungs- oder Maximierungs-) Ziele einzelner Mitglieder. Die Kopplung der Gutscheinsysteme mit Tauschkreisen könnte auch dazu beitragen, soziale Unterschiede zu minimieren und wäre mittels ein und desselben Administrationssystems zu gewährleisten.
Beim Kongress Solidarische Ökonomie wurden im Workshop Regionalwährungen - eine sozialwirtschaftliche/wissenschaftliche Analyse zum Schluss auch die durchwegs widersprüchlichen Anwendungen und Kopplungsmöglichkeiten diskutiert:
a) regionaler Gutscheinsysteme mit dem traditionell größendimensionierten Kreditwesen (die Gutscheinsysteme und die bankemittierten Währungen schließen einander anhand des Merkmals “verrechnete Zinsen“ aus, erstere verrechnen eine Umlaufsicherungsgebühr, die auch als “negative Zinsen“ bezeichnet werden können) und
b) die Gutscheinsysteme im Zusammenhang mit dem Grundeinkommen. Grundeinkommen impliziert für sich noch nicht die Wahl der Zahlungsmittelsysteme. Das ist ein methodischer Aspekt, der dem Diskurs über das Grundeinkommen abgeht und der aber bei der derzeitigen Ausgestaltung des Geldwesens ebenfalls theoretisch auszugestalten wäre.
Welche Form von Geld ist die angemessene und erwünschte (weil es was bewirkt oder bewirken soll) und wie unterscheiden sich Tausch-, Schenk- und Geldsysteme voneinander? Diese theoretischen Fragen wurden bei diesem Workshop nur kurz angerissen, weil das organisationspragmatische Phänomen von den sekundären, alternativen Zahlungssystemen im Zusammenhang mit dem jeweils gegebenen Geldsystem im Vordergrund stand.