Simone Grosser, Wien
Frisch aus Brasilien – dem „Land der Solidarökonomie“ – zurückgekehrt, war ich nicht wenig erstaunt, Bewegung zu diesem Thema auch zu Hause vorzufinden. Den Kongress 2006 in Berlin hatte ich nur über das Internet mitbekommen, umso interessanter also die Möglichkeit in Wien mitzutun.
Die gemeinsamen Vorbereitungstreffen zum Kongress waren wahrlich nicht immer einfach: mühsame Diskussionen folgten beinharten Meinungsverschiedenheiten. Für mich persönlich waren manche Stunden mitunter anstrengende und nervenaufreibende Erfahrungen. Sollten jedoch solidarökonomische Prinzipien auch im Vorbereitungsprozess verwirklicht werden, so galt es allen Stimmen die gleiche Bedeutung zuzumessen, einen offenen und partizipativen Diskussionsraum zu schaffen und Beschlüsse auf egalitäre Weise festzusetzen. Hier hieß es geduldig sein, zuhören und gegensätzliche Einstellungen tolerieren. Chaotisch ging es bisweilen zu und je näher der 20. Februar rückte, umso mehr kam in mir die Frage auf: Wie soll das alles funktionieren?
Bei all der mir sonst geläufigen streng durchorganisierten Planung, unterschätzte ich einen klitzekleinen, nicht unbedeutenden Aspekt: das Engagement der Menschen. So wie auch im Vorhinein zahlreiche Personen ehrenamtlich Zeit und Energie in das Projekt „Solidarökonomie Kongress“ investierten, genauso erweiterte sich dieser Einsatz spontan, als es darauf ankam. Unzählige helfende Hände waren vor Ort bereit, sich hinter den Infotisch zu stellen, Materialien zu organisieren oder Essen von A nach B zu tragen. Da standen Flipcharts wie von Geisterhand gebracht ganz plötzlich vor dem Seminarraum noch ehe nach ihnen gesucht wurde, da marschierten viele Füße tischeschleppenderweise zwischen Tüwi und BOKU im Schneetreiben hin und her und da mutierten KongressteilnehmerInnen ganz spontan zu Schlüsselbeauftragten oder EDV-CheckerInnen. Bei allen war das Bemühen zu erkennen, gemeinsam etwas Großes auf die Beine stellen zu wollen.
Natürlich ging auch einiges schief. Manches wurde schlecht kommuniziert, anderes zu wenig beachtet, vieles schlichtweg vergessen. Internetverbindungen fehlten, Veranstaltungen mussten abgesagt werden, Glühbirnen gaben ihren Geist auf und die Verpflegung ließ auf sich warten. Solche Nebensächlichkeiten konnten die Gesamtstimmung an diesem Wochenende allerdings kaum trüben. Wer gekommen war, der wollte sich nichts am Tablett servieren lassen; der wollte selbst aktiv werden und mithelfen einen Rahmen zu schaffen, in dem Neues entstehen kann: Der Versuch theoretische und praktische solidarökonomische Ansätze verschiedenster Art zu vernetzen, gemeinsam Utopien einer anderen Welt zu reflektieren und ihre Umsetzungsmöglichkeiten zu diskutieren.