Konsens und Open space
Anna Vobruba, Wien
Wie ich zur Vorbereitungsgruppe des Solidarökonomie-Kongresses kam: Sehr interessiert folgte ich der Einladung der AG Solidarische Ökonomie Österreichs zu einer Veranstaltung und Kongressvorbereitung im Herbst 2007 in Wien, da ich realisierte, dass meine Ideen der Selbstorganisation eben dieser Vernetzung von Initiativen und Ideen nahe stehen.
Bei diesem Treffen am 19. Oktober gefiel mir die als zentral bewertete Orientierung der Solidarischen Ökonomie an den menschlichen Bedürfnissen, und dass diese in den ganzen Prozess der Entwicklung und des Austauschs der Ideen sowie der Planung von größeren Treffen miteinbezogen werden sollten. Also dass es gilt Wege zu finden, von unseren Bedürfnissen auszugehen und diese und unsere Erfahrungen, Ziele, Wege dazu, Visionen, Antriebe, Wünsche, Hoffnungen und Verzweiflungen miteinander zu artikulieren und auszutauschen.
Beim Vernetzungstreffen am folgenden Tag mit dem Ziel einer der Kongressvorbereitung, wo etwa 20 Personen kamen, waren dann auch organisatorische Methoden Themen eines Arbeitskreises, an dem ich teilnahm. Unser Konsens galt egalitären, partizipativen und unhierarchischen Formen, also keinen Frontalveranstaltungen, sondern Diskussionen im Kreis, „open space“ und ähnlichen freien Prozessräumen. So beschlossen wir schon von Beginn an das von uns als grundlegend für die Solidarische Ökonomie Aufgefasste möglichst auch in Vorbereitung und Ablauf des Kongresses zu leben: egalitär und unhierarchisch, vielfältig und pluralistisch, partizipativ und selbstorganisiert, kommunikativ und in Begegnung, und ganzheitlich: Platz für Gedanken, Gefühle, Spiritualität, Körper, für Theorie und Praxis.
Schon beim nächsten Vorbereitungstreffen am 10.11.2007 legten wir den Entscheidungsmodus fest: Entscheidungen werden im Konsens beschlossen. Entscheidungen können beim nächsten Treffen bei besonderem Bedarf neu diskutiert und im Konsens wieder aufgehoben werden. Niemand spricht für die Gruppe. Wir sind offen für alle, die mitorganisieren wollen – ausgeschlossen ist Rassismus und Sexismus.
Weiter trafen wir uns ca. alle 3 Wochen etwa 5 Stunden lang immer in verschiedenen Räumen (von Projekten, alternativen Organisationen etc).
Schon am 16.2.2008 legten wir für die Struktur des Kongresses fixe Bestandteile fest:
- gleichberechtigte parallele Räume, wo Leute was anbieten können (möglichst “partizipative Formate“), keine „Stars“ mit „Hauptvorträgen“)
- keine Bezahlung von Vortragenden, WorkshopleiterInnen etc.
- möglichst alle, die kommen wollen, sollen auch kommen können : deshalb Planung eines Solidaritätsfonds für Reisekosten (unabhängig von Vortragenden, nur abhängig von finanzieller Notwendigkeit)
- Plenarveranstaltungen nur für Organisatorisches und für Austausch und Vernetzung zwischen verschiedenen Gruppen und Einzelpersonen, egalitär strukturiert
Ab 1.3.2008 gab es dann unsere Website www.solidarische-oekonomie.at
Der dort veröffentlichte Aufruftext war dann der einzige Text, auf den wir uns über einige Plena und etwa 6 Monate Zeitraum einigten. Die Dauer kam auch daher, dass wir zwar meist etwa eine Gruppe von 15 Personen waren, wovon aber die meisten nicht kontinuierlich kamen. Trotzdem zog sich eine anhaltende Energie durch und der Kongress gelang! – inklusive Essen für alle TeilnehmerInnen, von denen mehr als doppelt so viele erschienen als erwartet!
Der offene Aufruf, dass alle Interessierten einen Beitrag zu dem Kongress anmelden können, hat zu einer beeindruckenden Vielfalt und Anzahl (über 120 Beiträge) geführt. Das überwältigende Workshop-Angebot hat uns zu einer Gruppierung unter den folgenden Überschriften bewogen:
- Einführung, Überblick und Vernetzung
- Zahlen/Tauschen/Schenken
- Kein Oben & Kein Unten
- Gemeinsam, Miteinander und Allein
- Kritik der Krise
- Fernreisen ins Naheliegende
- Ohne Geschlecht und Alter
- Räume zum Träumen
- Grundlegende Bedürfnisse: Essen, Trinken
- Grundlegende Bedürfnisse: Gesundheit, Energie, Verkehr
- Wissen und Bildung
- Die Phantasie an die Macht
- Rat für Sofortmassnahmen
- Filmdokumentation
Das Echo der Teilnehmenden ist, soweit dem Organisationsteam bekannt, überwiegend positiv ausgefallen.
Schade war, dass am Samstag Abend das „Kabarett“, das im Grunde eine Werbeveranstaltung für ein Buch war, mangels ebenso attraktiv scheinender Parallelveranstaltungen (nur eine Lesung sonst) zum Hauptabendprogramm wurde. Da hätten wir vielleicht doch steuernd etwas planen sollen.
Vereinzelt dürfte es auch bedenklich erscheinende Beiträge am Kongress gegeben haben. So haben einzelne Personen den offenen Kongress dazu benutzt, Ideen zu verbreiten, die nichts mit solidarischem Wirtschaften zu tun haben. Wir distanzieren uns ausdrücklich von jeder Angstmache und jeder Verschwörungstheorie.
Demokratiepolitisch ist es eine Herausforderung, keine Beiträge und Vortragende auszuwählen, eben offen einzuladen, und sich doch zu positionieren. Unabdingbar für Konzepte, Themen und Projekte im Bereich Solidarische Ökonomie ist die Diskutierbarkeit derselben. Alles muss hinterfragbar bleiben können. Das gesamte Feld ist so komplex, dass die eine Erklärung mit absolutem Wahrheitsanspruch nie angemessen sein kann. Solidarische Ökonomie steht für die Bereitschaft zu Austausch und Vernetzung. Alle Einzel- und Gruppeninitiativen sind dabei eine unter vielen. Ein WIR ist nicht im Gegensatz zu den ANDEREN konzipiert.